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Buchauszug 'Erfahrung Afrika'

"Bis Makoua sind es noch 50 Kilometer und die sollten wir bis Mittag schaffen"

 


Bis Makoua sind es noch 50 Kilometer und die sollten wir bis Mittag schaffen, meint Anatol. „Es kommen nur noch zwei einfache Brücken und dann eine gute Piste." Die erste einfache Brücke besteht wieder aus drei Baumstämmen. Die Spurweite stimmt und Steve lotst mich über die Brücke. Ich erreiche mit der Vorderachse schon fast das andere Ufer, als ein hässliches Krachen das Ende der Brücke verkündet. Steve fuchtelt mit den Armen, die Frauen werden bleich und ich merke, wie das linke Hinterrad herabsaust. Während ich das Gaspedal durchtrete, schlägt die Anhängerkupplung auf den Mittelstamm. Gustav heult auf und droht zu kippen. Wie eine Fräse bearbeiten die Schneeketten die Holzstämme. Mit der Traktion der Ketten erreichen wir heil das rettende Ufer. Fast zweihundert Brücken hatten wir seit der Grenze überquert und die vorletzte versucht, uns abzuwerfen!

Mit unserer Übung ist die Brücke dann bereits nach zwei Stunden repariert und auch das letzte Hindernis kann uns nicht mehr stoppen. Diese „Brücke" zu beschreiben, unterlasse ich aber. Wer sie sehen will, muss selbst hinfahren. Sie ist die Garantie, dass die Strecke nur von Nord nach Süd befahren wird. Wer nicht rüber muss, dreht um.

Wie Anatol versprochen hat, wird die Strecke besser. Der erste Strassenverkehr kreuzt unseren Weg, ein Leichtkraftrad. Auf dem Gepäckträger sind zwei lebende Krokodile verschnürt. Fahrer und „Reiseproviant" sind auf dem Weg zum nächsten Markt. Das Fleisch der Krokodile wird teuer gehandelt. Es gilt in Brazzaville als Spezialität. Meine Gedanken schweifen zu meinem Motorradchauffeur in Kamerun. Wie sagte Albert? „On va arriver, Monsieur, on va arriver". Recht hat er. Irgendwie und irgendwann kommt man an. Das Wort „unmöglich" verlernt man in Afrika.

Nach gut dreihundert Kilometern Luftlinie endet der Regenwald, mehr ist in diesem Teil Afrikas nicht stehengeblieben. In der Piste gibt es noch einige tiefe Regenrinnen, die aufgefüllt werden müssen, dann sind wir in Makua und haben zum ersten Mal den Äquator überschritten. Kraft, das Ereignis gebührend zu feiern, haben wir nicht mehr.

An der Strasse erscheinen die ersten Coca-Cola Schilder und auch der Ruf nach „cadeaux" dringt wieder an unsere Ohren. Kein Zweifel, dies ist der entwickelte Teil des Landes. Über den Likouala Fluss führt eine Brücke, die jeder deutschen Autobahn zur Ehre gereichen würde. Das Bauwerk erscheint uns zunächst wie ein Hohn auf die vergangenen drei Wochen. Erst als wir über die Brücke hinwegrollen, begreifen wir deren wahre Bedeutung. Die Brücke als Symbol der Zivilisation, die zum Sprung auf den letzten unerschlossenen Winkel des Kontinents ansetzt.

Die Tage des ursprünglichen Afrikas scheinen gezählt zu sein. Auch dieses Entwicklungsprojekt wird eines Tages fortgeführt und Brazzaville mit der Grenze zu Kamerun verbinden. Der Fusspfad, dem wir gefolgt sind, wird einer Autobahn weichen. Und mit ihm werden die Menschen, die Tiere und auch die Erinnerung an das, was diesen Kontinent einst ausgemacht hat, verschwinden. So schwer uns die Durchquerung des Kongo auch gefallen ist, die Erfahrung des letzten Stücks ungezähmten Afrikas werden wir unser Leben lang nicht vergessen.

Dennoch verspüren wir keinen Stolz, die Strecke durch den Kongo "bezwungen" zu haben. Wir sind nur glücklich, gesund auf der anderen Seite des Urwalds angekommen zu sein. Ausser einem höllischen Muskelkater, vielen Kratzern, blauen Flecken, Schnitten und Löchern in der Haut, sind wir unversehrt. „Hätte auch nur einer von uns auf der Strecke Malaria bekommen und wäre ausgefallen..." Daran wollen wir gar nicht denken. Die Fahrzeuge sind in den Wochen um Jahre gealtert und auch wir sind gealtert, vielleicht gar nicht einmal so stark physisch. Mental aber bestimmt.

Bild aus Namibia und Textauszug mit freundlicher Genehmigung von Joly und Ingo Hoffmann.

Erfahrung Afrika, Jolanda & Ingo Hoffmann, Zebrastreifen Verlag, Emmenbrücke, ISBN-Nr. 3-00-003775-6 CHF 32.00 inkl. Versand


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